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WARUM, WER, WIE – Stress und Burnout in der Arbeitswelt- Wissenswertes für Handlungsbedarf

Die Arbeitswelt hat sich verändert. Sie hat sich den Umweltbedingungen und den Menschen angepasst. Aber hat sie sich jemals so stark verändert wie in heutiger Zeit?
Noch nie in der Menschheitsgeschichte ist die Arbeitswelt so beschleunigt und noch nie haben sich darin Menschen so intensiv um Passung bemühen müssen und können. Ein sich rasant entwickelndes Datenhandling führte zu effizienter Logistik. Die Globalisierung führt zu einem Kampf um Marktpositionen. Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit fordert effizienter Gestaltung und Einhaltung von strengen Qualitätsstandard. Die rasche Entwicklung von Forschung liefert uns immer ausgeklügelteren Techniken, Methoden und Produkte. Die Ansprüche nach mehr, besser und billiger wirken fast unersättlich und über allem scheint das Damoklesschwert „Effizienz“ zu schweben.
Der Mensch, als wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses, ist Gestalter als auch Leidender seines Bemühens um Anpassung an ständige Entwicklung. Diese Passung erfordert Flexibilität, körperlich wie geistig. Veränderungsprozesse sind zu meistern, permanente Weiterbildung bzw. neue Ausbildung sind in einem nie da gewesenen Umfang gefragt. Der Druck um Wettbewerbsfähigkeit führt zu immer mehr Einsparung, flache Strukturen zu mehr Verantwortungsübernahme. Die Arbeit bestimmt den Lebensinhalt, das Erreichte den Status in der Gesellschaft.
Die dem Galopp nicht folgen können bleiben draußen. Die drinnen sind, haben Angst vor dem „Herausgeworfen werden“ und dem „gesellschaftlichen „Aus“.
Führungskräfte sollen nicht nur fachlich führen, sondern sich immer sensibler auf das Individuum Mensch einstellen. Der Kampf um Kunden, die geforderte Kundenfreundlichkeit lassen Dienstleister immer mehr wie Roboter agieren.
Die Mitarbeiter erleben sich als Gestalter der Arbeitsprozesse, aber auch als Ohnmächtiger mit sinnlos erscheinenden Einschränkungen.
Sie erleben Prozessveränderungen und wissen nicht ob sie morgen noch gebraucht werden. Man erwartet von ihnen totales Engagement, die Übernahme von mehr Aufgaben, sei es durch Arbeitsplatzeinsparung, durch EU-Richtlinien, Qualitätsstandards und Controlling.
Mancher findet sich zwangsläufig Tätigkeiten wieder, die wenig den eigenen Potenzialen entsprechen, Antiflow ist angesagt. Druck und Angst gehen um in unserer Arbeitswelt. Das droht Lebensbedeutungen und Lebenssinn in Frage zu stellen, erfordert bewussten Umgang mit sich selbst und der persönlichen Worklife Balance.

Die „ Psychologie heute“veröffentlichte folgende Fakten als Beispiele:
In der Technikerkrankenkasse ließen sich im Jahre 2006 von 2,5 Mio Mitgliedern, 33.000 krank schreiben weil sie sich überfordert, unwohl und müde fühlten.
Hochgerechnet auf Deutschland sind das acht Millionen Krankheitstage wegen psychischer Beschwerden. Diese Zahl ist jährlich steigend um 10% .

Die Unternehmensberatung Kienbaum beschrieb eine neue Form in den Chefetagen: Extremjobber.
Dies sind Topmanager mit mehr als 200 TEuro Einkommen.
80 % von ihnen gaben an mehr als 50 h wöchentlich zu arbeiten und 50% mehr als 60h.
Die Extremjobber empfinden diesen Zustand als angenehm stimulierend. Sie sehen die Arbeit als intellektuelle Herausforderung und den Begleitstress als Lebenselexier.
Zweifellos kann eine Tätigkeit, welche die eigenen Potentiale, Intelligenzen und Bedürfnisse frei zur Entfaltung bringt zu einem Glücksgefühl und hochmotivierter Leistung führen. Die Grenzen zur Selbstausbeutung sind jedoch fließend. Dieses Lebensmodell wird dann zur Gefahr, wenn es Maßstäbe setzt an das Engagement und die Leistungsmöglichkeiten der Mitarbeiter. Nicht jeder kann und will dem „Schweinsgalopp“ folgen.
Edgar Schein hat in seinen Untersuchungen eine Tendenz der jungen Arbeitnehmer zur Lebensstilintegration festgestellt. Die jungen Familien, mit ihren neuen Vaterrollen zeugen von dieser Tendenz. Das Erfahrungswissen älterer Arbeitnehmer wird dringend gebraucht. Ältere Arbeitnehmer reagieren jedoch sensibler auf extreme Dauerbelastungen.

Stress
Mit Stress wird eine physische und psychische Reaktion bezeichnet, die zum einen zur Bewältigung besonderer Anforderungen befähigt und zum anderen körperlich und geistig belastet. 1936 benennt zum ersten Mal der Mediziner Hans Selye den Begriff Stress für unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung.
Dabei wird unterschieden zwischen:
Negativer Stress = Distress
Stress der als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd empfunden wird.
Positiven Stress = Eustress
Stress der den Organismus positiv beeinflusst.
Eustress wirkt sich positiv auf die psychische oder physische Funktionsfähigkeit eines Organismus aus, erhöht die Aufmerksamkeit und fördert die maximale Leistungsfähigkeit des Körpers, ohne ihm zu schaden.

In diesem Artikel geht es um Gefahr auf Gesundheit, die eine veränderte Arbeitswelt mitbringen kann, also nicht um den sogenannten Eustress, der natürlich ebenfalls in seiner positiven Wirkung in der Arbeitswelt vorhanden ist.
Der Mensch braucht soziale Integration, eine Gefühl von Sicherheit und Geborgensein. Wenn die Angst zu versagen einnimmt, soziale Beziehungen scheitern, sinngebende Hobbys abgewählt wurden, ist der Weg zu gesundheitlichem Schaden nicht mehr weit.

Als häufige negative Stressoren werden genannt:
Überforderung
• Zeitdruck, Aufgabenlast und zu viele Aufgaben
• Fremdbestimmung
• Hohe und/ oder unklare, wechselnde Zielvorgaben
• Häufige Störungen im Arbeitsablauf, Telefon, Email
• Umstrukturierungen
• Belastung durch Erweiterung des Anforderungsprofils (z.B. Küchenleiter mit plötzlichem eigenen Profitcenter und Controlling, persönliche Abneigung gegen „Papierkram“ und mangelnde BW Ausbildung)
Unterforderung:
• Brachliegen von eigenen Talenten und Interessen
• Eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten
• Routine, Langeweile

Beschwerden, die erhöhte negative Stressbelastung signalisieren können:
• Herzbeschwerden, Herzklopfen, Rhytmusstörungen
• Beschwerden Magen-Darmtrakt, Schmerzen, Brennen, Enge, Blähungen, Durchfall
• Häufiges Wasserlassen oder Schmerzen dabei
• Husten und Atemstörungen
• Schmerzen im Bewegungsapparat oder Kopfschmerzen

Was kann zu negativem Stress führen?
Keine Übereinstimmung Tätigkeit mit Fähigkeit
In welchem Verhältnis stehen die Anforderungen an die Arbeitsaufgabe zu den persönlich geglaubten Möglichkeiten, Fähigkeiten und Bedürfnissen stehen, kann zur Überforderung oder Unterforderung führen.
Ungünstige Persönlichkeitsmerkmale, bestimmte Gruppen
Mehr gefährdet seien Menschen vom Typ A Verhalten, mit hohem Neurotizismus, mit einer hohen Angstkomponente und Depressionsgefahr. Besonders gefährdete Gruppen sind Menschen mit hohen Leistungsansprüchen, die sich dann eingeschränkt oder wenig anerkannt fühlen, wenn es keinen anderen Schwerpunkt als Arbeit im Leben gibt, die sogenannten Emotionsarbeiter und Menschen in medizinischen und sozialen Berufen.

Enzler Denzler hat 3 verschiedenen Persönlichkeitstypen erkannt, die Stress unterschiedlich wahrnehmen:
Erkenntnistyp
• Lebensprinzip: eigene Entwicklung und eigenes Vorankommen, persönliches Wachstum im Sinne von lernen, Interessantes erfahren, neues sehen, erfahren und tun können
• Lebt nach dem Grundsatz: Was man will kann man erreichen, Erfolg stellt sich beim ihm ein, wenn er mit den eigenen Leistungen zufrieden ist
• Stress: Wenn Autonomie und Handlungsspielraum eingeschränkt sind, er in seiner persönlichen Weiterentwicklung gehemmt wird

Ordnungs- und Strukturtyp
• Strebt nach finanzieller Autonomie, Einfluss und Macht
• Will Regeln geben, Strukturen einführen, organisieren und Recht bekommen
• Stress: unklare, unkontrollierte Situationen und Einschränkung seines Einflussbereiches

Sozialer Typ
• Strebt nach sozialem Anschluss. Braucht Vertrautheit, Zuwendung, Interaktion, will in der Gesellschaft von Nutzen sein
• Braucht worklife balance, gute Atmosphäre
• Stress: Wenn soziale Integration gefährdet

Ein unpassender Karriereplan
Eine Rolle kann spielen, welche Form der Karriere im tiefsten Inneren angestrebt wird.
Stimmen Karriereangebot nicht überein mit Karrieremöglichkeit kann das Stress bedeuten.

Ungünstige sozial Integration oder schlechte Arbeitsbedingungen
Fehlendes Feedback, Mangel an sozialer Unterstützung, Rollenkonflikte und soziale Isolationen können sich je nach persönlichen Bedürfnissen zu Stressoren entwickeln als auch karges Ambiente, hierarchischer Führungsstil, schlechtes Arbeitsklima.

Burnout
Die Bezeichnung wurde 1974 zum ersten Mal vom Psychologe Herbert Freudenberger unter Beobachtung in Drogenberatungsstelle kreiert. Er stellte fest, dass hochmotivierte junge Mitarbeiter dieser Beratungsstellen nach wenigen Arbeitsjahren abgestumpft und zynisch wurden. Seine Kollegin Christina Maslach entdeckte dies später bei anderen Berufsgruppen.

Phasen des burn out
1. Stufe = emotionale Erschöpfung
• frustriert, ausgelaugt
• keine Regenerierung mehr
• nicht mehr abschalten zu können
• positive Energie nimmt ab
• alles was bisher funktionierte um sich zu regenerieren hilft nicht mehr

2. Stufe = Depersonalisieren
• Gereiztheit und Gleichgültigkeit im Beruf
• Gefühllosigkeit gegenüber Kollegen, Kunden
• Resignation
• Kontaktvermeidung, um sich so wenig wie möglich Emotionen auszusetzen
• Nichterscheinen oder passive Teilnahme
• Eigeninitiative geht zurück

3. Stufe = Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit, eingeschränkte Leistung
• Leistungsabfall, körperliche Beschwerden
• Verlust von Selbstvertrauen
• Erfolg werden nicht mehr wahrgenommen
• Rückzug durch Arbeitsunfähigkeit nicht mehr vermeidbar

Anzeichen von burn out

Erste Warnzeichen:
Gesteigerter Einsatz für Ziele, Zunahme von Überstunden, Erschöpfung, Überreaktionen

Reduziertes Engagement:
Reduzierte Sozialkontakte, negative Einstellung zur Arbeit, Konzentration au Eigennutzen

Emotionale Reaktionen
Unzulänglichkeitsgefühl, Pessimismus, Schuldzuschreibungen an andere oder das System

Abnahme von:
kognitiven Fähigkeiten, Motivation, Kreativität, Differenzierungsfähigkeit

Abflachen:
des emotionalen und sozialen Lebens und kognitiv Interessen

Psychosomatische Reaktionen:
Spannung, Schmerzen, Schlafstörungen keine Erholung, veränderte Essgewohnheiten, Drogenmissbrauch

Depression und Verzweiflung:
Gefühl von Sinnlosigkeit, negative Lebenseinstellung, existenzielle Verzweiflung, Suizidgedanken

Erste Hilfe
Coching und Supervision können unterstützen, eine Ausgewogenheit zwischen Arbeitswelt und privaten Bedürfnissen zu finden, in dem sie bewusst machen, reflektieren zu Zustand und Möglichkeiten der Veränderung.
Wenn das Burn out bereits „da“ ist, dann ist medizinische und psychologische Kompetenz gefragt.

Interventionen in Coaching und Supervision können sein:
• Blicke auf den Lebensentwurf
Regenerationsmöglichkeiten finden
Traumatisierungen bearbeiten
• Rollen klären und definieren
• Soziale Kontakte pflegen
• Hobbys und ausgleichende Leidenschaften entdecken
• Zu Entspannungstechniken finden
• Zeit managen, delegieren lernen
• Grenzen erkennen und setzen
Realistische Erwartungen pflegen
Ressourcenaufbau
Resilienz entwicklen

Quellen:
Phänomen Stress, F. Vester, dtv2003, Arbeitshefte Führungspsychologie, Sauer Verlag
Grundlagen Organisationspsychologie, Rosenstiel, Schäffer/Pöschel 2003, Instrumentalisierung der Gefühle in der neuen Arbeitsorganisation, Schmidt, Karriereanker, E. Schein, Looss/Stadelmann, 2004, NEO Persönlichkeitsinventar, Ostenhofer/Angleiter, Hogrefe 2004,
Trierer Inventar zum chronischen Stress, Schulz/Scholz/Becker, Hogrefe 2004,
Gibt es ein jenseits des Schuftens, A. Wolf, Psychologie heute, Ausgabe Mai 2009,
Ökonomisierung und Subjekt, Hetzel, Psychosoziale Gesundheit, V. Faust
Mathias Burisch „Das Burnout-Syndrom“, Springer 1994, 2006

Elka Eva Baudis